An alle Schweizer !

  • Mich würde ehrlich gesagt einmal interessieren, wie das mit den vielen Amtssprachen in der Schweiz in der Praxis funktioniert. Da in der Schweiz ja das Territorialitätsprinzip gilt, also jeder Kanton seine eigene Amtssprache/n festlegen kann, muss jeder Bürger doch faktisch mindestens zwei Sprachen sprechen, um sich überall verständigen zu können ? Oder sehe ich das falsch ? Wie funktioniert das in der Schule ?

    Mit freundlichen Grüßen:-p

  • muss jeder Bürger doch faktisch mindestens zwei Sprachen sprechen, um sich überall verständigen zu können ?

    Wenn er sich wirklich überall durchschlagen will, braucht er drei Sprachen: Deutsch, Französisch und Italienisch. Die vierte Amtssprache - Rätoromanisch - ist vernachlässigbar, weils 1. nur noch etwa 50 000 Leute gibt, die das als Muttersprache haben, 2. von denen wiederum 49 500 mässig bis gut Deutsch können und 3. mit den anderen 500 eh keiner reden will, weil sie an schwer zugänglichen Orten wohnen und mit all ihren Cousins verwandt sind.

    In der Praxis sieht es etwa so aus:
    1. Die Deutschschweizer:
    Sprechen in den meisten Fällen genug Französisch, um sich mit den Westschweizern verständigen zu können. Nicht wenige sprechen auch einige Brocke Italienisch. Um im Tessin eine Pizza zu bestellen, reichts eigentlich bei jedem.

    2. Die Welschen (=französischsprachig):
    Seltsames Volk. Verstehen meist Deutsch und könnten eigentlich auch sprechen. Da sie aber gegenüber den Deutschschweizern in der Minderheit und auch sonst eher geplagte Kreaturen sind (nach ihrem Dafürhalten), warten sie eigentlich lieber darauf, dass der Deutschschweizer sein Schulfranzösisch zusammenkratzt. Wenigstens lachen sie nicht, wenn mans versucht.
    Wie sie sich mit den Tessiner Kollegen verständigen, entzieht sich meiner Kenntnis.

    3. Die Tessiner (=italienischsprachig):
    Je touristischer die Gegend, desto besser verstehen und sprechen die Leute Deutsch - oder vielleicht sind sie auch nur eher bereit, zuzugeben, dass sie es können. Jedenfalls dürfte Deutsch beim "gemeinen Volk" im Tessin Fremdsprache Nummer 1 sein. Wenn einem das Italienisch ausgeht, kommt man damit sehr viel weiter als mit Französisch oder Englisch. In den nicht touristischen Gebieten kann man entweder Italienisch oder man benutzt Hände und Füsse, um sich zu verständigen.

    Dann kommt noch das Englische dazu, das zwar keine Amtssprache, aber recht weit verbreitet ist - vor allem bei den Menschen unter 40 und in der Deutschschweiz. In der Westschweiz und im Tessin ist Englisch weniger verbreitet, dort lernt man halt eher Deutsch.

    Wie funktioniert das in der Schule?

    Das ist ein ganz grosses Diskussionsthema. Bisher war es so, dass man als erstes eine weitere Landessprache gelernt hat. In der Deutschschweiz war das Französisch, in den anderen Landesteilen Deutsch. Fremdsprache hatte man (je nach Kanton) etwa von der 7. Klasse an, Englisch wurde als fakultatives Nebenfach angeboten. Wer das Gymnasium besuchte, hatte ab der 9. oder 10. Klasse sicher noch Englisch als zweite Fremdsprache, je nach Richtung kam dann noch eine dritte Sprache (Italienisch) dazu.

    Ab hier kann ich nur noch für die Deutschschweiz sprechen:
    Aktuell sollen aber ein paar Dinge am Schulsystem geändert werden, und da jeder Kanton die Schule selber organisiert, droht ein Chaos. So hat der Kanton Zürich die Einführung von "Frühenglisch" beschlossen. Das heisst, dass die Kinder bereits ab der 3. Klasse (glaube ich, evtl vertue ich mich da um ein Jahr) Englisch als erste Fremdsprache lernen sollen. Französisch kommt dann wie gehabt ab der 7. Klasse dazu.
    Jetzt stehen natürlich einerseits die Welschen auf den Barrikaden, weil sie sowas politisch unkorrekt finden und die zweisprachigen Kantone (Bern, Fribourg) sind unsicher, was sie tun sollen. Die Kinder kommen im späteren Leben mit Englisch wohl weiter als mit Französisch, aber man will die anderssprachigen Kollegen im selben Kanton nicht verärgern. Kommt noch dazu, dass Familien auch mal umziehen. Was macht man dann mit einem elfjährigen Kind aus Zürich, das jetzt plötzlich im Kanton Bern wohnt, den Kameraden im Englischen um Welten voraus ist, dafür kein Wort Französisch spricht? Und Umzüge in einen anderen Kanton sind gar nicht so selten... Böse Zwickmühle.
    Die Eltern suchen da eigene Auswege. So ist es derzeit en vogue, die lieben Kleinen schon im Vorschulalter in (spielerisch gestaltete) Englischkurse zu schicken oder sie in Tagesstätten zu geben, wo englisch gesprochen wird. Ein Trend, der in den nächsten Jahren sicher anhalten und sich verstärken wird. Besonders in Kantonen, in denen Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird.

    Das ist jetzt wirklich eine Kurzfassung unseres Sprachenwirrwarrs. Ich hoffe mal, dass dir der kleine Exkurs weiterhilft. Sonst einfach nachfragen :)

    Gruss

    Simonne

    ___________________________________________________________
    «Ein !herz! für George Hincapie» - und eins für Katzenfreund Tom Boonen.

  • Tschuldigung, dino, war extrem schlecht formuliert :+)

    Ich wollte eigentlich schreiben, dass in den Gegenden alle miteinander verwandt sind - meist auf der Stufe Cousin...

    Gruss

    Simonne, grad auf der Stufe Schildbürgerin !mgrins!

    ___________________________________________________________
    «Ein !herz! für George Hincapie» - und eins für Katzenfreund Tom Boonen.

  • Eine sehr gute Analyse von Simonne. Allerdings würde ich schon behaupten, dass wir ein gewisses Verständigungsproblem haben.

    Ich kann mich erinnern, dass wir im Militär bei gemischten Kompanien immense Sprachprobleme hatten, da sich einerseits die Welschen (gerne im Deutschschweizer-Militärjargon auch "Russen" genannt) konstant weigern ihr Deutsch zu sprechen und andererseits das Schulfranzösisch der Deutschschweizer zwar für Basiskonversation reicht im Stile von "On y va", "une bière svp", "je m'appelle Ruedi" oder "ca me fait chier", für mehr aber auch nicht. So wurde oft auf Englisch ausgewichen (das auch nicht alle gut beherrschten), mit Händen und Füssen kommuniziert oder man ging sich aus dem Weg.

  • Ja dieser kleine Exkurs hilft ziemlich gut weiter. Danke für diese ausführliche Antwort !!thatsit! Hätte gar nicht gedacht, dass alles in den Kantonen so unterschiedlich gehandhabt wird.

    Mit freundlichen Grüßen

  • Unterschiedlich gehandhabt wird dies für Schweizer Verhältnisse eigentlich fast nicht mehr: wenn man bedenkt, dass vor 1848 jeder heutige Kanton noch sein eigenes Post- und Zollwesen hat, eigene Münzsysteme usw...Ein Land im Sinn von "Staat" ist die Schweiz nämlich erst seit dann, auch wenn die Mythologie gerne anderes glauben lassen möchte, mit Tell und aufrührerischen Eidgenossen gegen die bösen Habsburger etc.

    Schönen Abend!
    André

  • ... Das heisst, dass die Kinder bereits ab der 3. Klasse (glaube ich, evtl vertue ich mich da um ein Jahr) Englisch als erste Fremdsprache lernen sollen... Französisch kommt dann wie gehabt ab der 7. Klasse dazu....


    nur der vollständigkeithalber: Englisch ab der 2. Klasse, Französisch ab der 5. Klasse (Kanton Zürich).
    Gruss
    Jean

    Grüsse aus Zürich
    Jean :-X

  • Insgesamt würde ich mal sagen, dass man einfach Verständnis hat, wenn einer die Sprache nicht so gut kann, und dann versucht man herauszufinden, was er eigentlich sagen wollte.

    Hübsch ist's im Ständerat (kleine Kammer): Da gilt, dass jeder seine Sprache spricht.

    Und des weiteren pflegen wir die Vorurteile über die anderen Sprachgruppen.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!