Tempo 180, linke Spur auf der Autobahn. Im Rückspiegel siehst du einen grellen Scheinwerfer rasch näher kommen. Sogar ziemlich rasch. Also nicht wie ab auf die Mittelspur, denn dem Motaorradfahrer will ich bei diesem Tempo keine starke Bremsung zumuten. Doch was macht er? Kaum hat er mich überholt, geht er voll in die Eisen. Lässt sich ein wenig hinter mich zurückfallen, bleibt ein paar Sekunden hinter mir, überholt mich wieder, starrt dauernd in den Rückspiegel. Ist irgendwas an meinem Auto kaputt? Habe ich einen Reifen verloren? Jetzt bremst er wieder, setzt sich neben mich und klappt das Visier hoch. Ich kann sein breites Grinsen sehen, mache die Seitenscheibe runter und höre durch den Fahrtwind nur "Hey, voll geile Karre". Er streckt mir den aufgerichteten Daumen entgegen, bevor er wieder in den 4. Gang schaltet und davon rauscht. Herrlich, automatisch macht sich auch bei mir ein breites Grinsen breit.
Ich sitze in meinem Alfa GT JTS. Schwarz, geduckt und mit schönen 17" Felgen.
Mit diesem Auto hat Alfa dank Bertone wieder mal einen kleinen Meilenstein gesetzt, macht wieder deutlich auf sich aufmerksam.
Seit dem 9. März fahre ich diesen designerische Schmuckstück nun schon. Ich nehme an dass ich einer der Ersten war die das Fahrzeug auf deutschen Strassen bewegeb durfte. Und erlebe tagtäglich immer wieder Reaktionen, als wenn ich einen Ferarri oder den neuen Porsche GT fahren würde. Überall bewundernde Blicke, egal ob von Kindern, Männern in den Enddreißigern oder von Frauen. Allen scheint er zu gefallen. Anscheinend sogar sehr.
Aber lassen wir mal all diese Emotionen, die das Auto auslösst, aussen vor und widmen wir uns einer sachlichen Analyse des Wagens.
17.000 Kilometer bin ich nun gefahren. Sehr viel Langstrecke und nur selten in der Stadt. Was gibt es zu berichten?
Karosserie:
endlich mal wieder ein richtiges Coupe. Schön flach gehalten, mit einer aggresiven Front, die Überholimage auf der Autobahn symbolisiert. Der Hintern polarisiert, aber irgendwie passt er zum Wagen. Nur: wer hat diese elendig lange Antenne auf´s Dach gesetzt. Die zerreißt die gesamte Linie, unterbricht die fliessende Kante.
Platz bietet der Wagen mehr als genug. Die Tür öffnet weit und bietet sehr guten Raum zum Betreten der Steuerkanzel. Nur auf dem ALDI Parkplatz kann es mal eng werden, denn die Tür ist eben coupetypisch sehr lang. Einmal Platz genommen, fühlt man sich in den Ledersportsitzen sehr wohl. Lange Beinauflage, hervorragender Seitenhalt, nur irgendwie sitzt man ein wenig hoch. Und die Londorsenstütze hätte man auch etwas höher plazieren sollen. Oder ganz weglassen. Gleiches gilt für den Schalter der Sitzheizung. Alfafahrer kennen das - aber Umsteiger, die Alfa mit dem Auto erreichen will, werden sich erst einmal einen Wolf suchen (never read the fucking manual). Das Cockpit ist sehr übersichtlich, alles am richtigen Platz, man fühlt sich direkt geborgen. Auch die verwendeten Materialien sind ein kleiner Quantensprung für Alfa. Alles fühlt sich ein wenig solider, ja sogar angenehmer an. Die tiefliegenden Armaturen mit den roten Zahlen locken die Blicke des Fahrers immer wieder auf sich, das Lederlenkrad liegt wunderbar in der Hand. Tribut an die Übersichtlickeit: der Schalter für die Tankklappe wanderte in die Mittelkonsole. Und ein JTS Fahrer braucht diesen Knopf deutlich öfter als erwartet.
Auf den hinteren Plätzen ist für ein Coupe recht viel Platz. Okay, großgewachsene Personen müssen ein wenig den Kopf einziehen, aber für eine Familie mit 2 Kindern durchaus auch mal langsteckentauglich. Ausserdem geniessen Kinder die Aufmerksamkeit von aussen genauso wie der Fahrer.
Platz für 3 große Koffer findet man auch im Kofferraum. Allerdings ist die Ladekante recht hoch und Schultaschen hinterlassen auf der empfindlichen Oberfläche schnell mal ein paar Kratzer, dafür öffnet die Klappe bis ganz oben. Aber vorsicht wenn es geregnet hat: beim Öffnen des Kofferraums kann es schon mal nass werden.
Und wenn es bei hohen Geschwindigkeiten doch recht laute Windgeräusche gibt, so liegt das an den rahmenlosen Seitenscheiben. Die übrigens auch nicht immer Waschanlagenfest sind. Bei Dampfstrahler wird die Armlehne schon mal nass. Aber egal: dann nimmt man einen Lappen und nutzt die Feuchtigkeit direkt um das Armaturenbrett zu säubern. Aber auch Raucher sollten vorsichtig sein: rauchen bei geöffnetem Fenster und Regen führen unweigerlich zu einem tropfnassen linken Unterarm.
Motor/Getriebe:
Der 2,0 JTS hängt gut am Gas. Deutlich mehr Drehmoment von unten als der alte TS, dafür fehlt dann eben der Kick bei 4000 und 6000 Umdrehungen. Aber er dreht willig, lediglich ab ca. 6000 U/min hat man ein wenig das Gefühl, dass der Motor nichts dagegen hätte wenn der nächste Gang eingelegt wird. Aber wo ist der alfatypische Sound?
Okay, man will mit dem GT auch neue Zielgruppen erreichen, aber muß er denn wirklich so brav klingen? Nach 17.000 Kilometern und viel Vollgas hat sich der Sound zwar ein wenig verbessert, aber wenn man wirklich einen coupewürdigen Klang haben will, kommt man wohl um Teile von Tunern nicht herum.
15 - 17 Liter Super während der ersten 3000 Kilometer waren normal. Man kam auch nicht wirklich darunter. Erst beruhigende Worte der Forumsschreiber liessen mich ein wenig entspannen und abwarten. Sie sollten recht behalten. Inzwischen liegt der Verbrauch bei ca. 12 Liter. Trotzdem: im Vergleich zur Konkurenz nicht gerade wenig. Und bei längeren Vollgasfahrten in der Nacht kann der 62 Liter Tank auch schon mal nach knapp 350 Kilometern leer sein. 6 Liter Motoröl sind auch nicht wenig, aber wohl im Rahmen der Herstellerangaben. Aber wer dieses Auto fährt, fühlt jeden Tag mit dem Herzen und nicht mit der Geldbörse. Bei 237 km/h ist dann Schluss mit Vollgas, und auch die Beschleunigung ist nicht von schlechten Eltern. Jedoch vermisse ich einen 6. Gang. Denn knapp 4000 U/min bei Tempo 130 fördern nicht unbedingt einen niedrigen Verbrauch. Und ein wenig schneller würde er aufgrund des Motor schon noch gehen. Aber Selespeed lässt nicht mehr zu. Und da wären wir schon beim nächsten Thema.
Selespeed, das ist es worauf ich mich ganz besonders gefreut hatte. Der "Schaltknüppel" ist kurz und knackig, fast hat man schon das Gefühl den Schalthebel eines SuperSeven in der Hand zu halten. Klare Führung und eine wunderbare Sensibilität zeichnen Ihn aus. Für einen Gangwechsel genügen schon weniger als 2 Zentimeter Bewegung. Die Schaltwippen am Lenkrad liegen an der richigen Stelle und haben einen klaren Druckpunkt. Lediglich in engen Kehren wünscht man sich feste Wippen mit größerer Fläche. Aber wer bitte hat denn Alfa gesagt dass man den Schalthebel nach vorne drücken muß, wenn man in den nächsten Gang schalten soll?
Drei Modi stehen beim Selespeed zur Verfügung. City, Normal und Sport. Nach einigen Versuchen, mich an den Citymodus zu gewöhnen, muß ich leider zugeben: zu langsam, zu viele unerwartete Schaltvorgänge und vor allen Dingen; muß ich wirklich erst leicht von Gas gehen damit er in den nächsten Gang wechselt?
Im Normalmodus schaltet er weich und fliessend, wirklich eine gute Sache für den Normalfahrer. Will man allerdings Spass haben, so drückt man einmal den Sportknopf und wird Ihn nie wieder deaktivieren. Bei Vollgas und über 4000 U/min schaltet er wirklich schnell und die Kupplung kommt ohne Reibung wieder zurück. Man bekommt in allen Gängen einen leichten Schlag ins Kreuz, wenn der nächste Gang anliegt. Das macht Spass und lässt leichtes Rennfeeling aufkommen. Erst recht wenn man vor Kurven bremst und zurückschaltet. Diese automatischen Zwischengas Orgien sind die reinste Freude.
Fahrwerk:
sportlich abgestimmt kommt er daher. Nicht aber ohne einen deutlichen Restkomfort zu gewähren. Mit den 225ern auf 17" beisst er sich gut in den Asphalt, zieht Kurven wie an der Schnur und fängt erst sehr spät an zu untersteuern. Aber nur ein kleines wenig Gaslupfen holt ihn wieder zurück, es sei denn man macht weiter. Dann greift recht überraschend die Elektronik ein und erfordert ein verringertes Einlenken in die Kurve. Querrillen - ein alfatypisches Thema. Auch der GT kann sich dieer Schwäche nicht wirklich erwehren. Anfänglich noch recht ruhig, wurde das Poltern der Vorderachse und das Hüpfen auf Querrillen in Kurven doch recht deutlich. Ein kleiner Mangel, aber auch hier sieht man gerne drüber hinweg. Die montierten Bridgestone S-02 sind übrigens auf der Vorderachse schon auf knapp 3 Millimeter runter. Drehmomentstärkere Diesel haben auch nicht unbedingt einen höheren Reifenverschleiss.
Ich komme gerade von der Arbeit nach Hause. Stelle die Bella vor der Garage ab, steige aus und werfe einen letzten Blick auf die schwarze Schönheit. Auch nach 3 Monaten merke ich noch, wie ich in Gedanken mit der Hand zärtlich über Ihren Rücken fahre und Sie sanft streichle. Ein kleines Lächeln umschliesst meine Lippen, und ich freue mich auf morgen früh, wenn ich sie wieder streicheln werde und mich danach mit Ihr auf die Strasse begeben darf. Schlaf gut meine Kleine. Und wenn ich einen Wusch freihaben darf: dann hab morgen bitte den 3,2 Liter Motor unter der Haube.
Bisherige Macken/Defekte
- Bordcomputer gab anfänglich seltsame Meldungen von sich (hat sich aber wohl selbst repariert)
- die Lederverkleidung in der Fahrertür löst sich ein wenig aus der Verankerung (wird bei der Inspektion gemacht werden)
- seltsame Pfeiffgeräusche der Windschutzscheibe ab 180 km/h (seit ca. 5000 Kilometern wieder verschwunden)
- der Fensterheber stellt sich selbständig auf "Maut" Modus. Lässt sich aber durch 10 sekündiges Drücken des Hebels wieder beheben.
- Sitzheizung und Beleuchtung des Schalters sind ausgefallen (Inspektion)
- der Aschenbecher, der anfänglich nur mit einem festen Druck geschlossen werdne konnte, rastet nun garnicht mehr ein (Inspektion)