Das ist die Fortsetzung dieses Threads
http://www.alfisti.net/alfa-forum/off-topic/21173-lust.html,
in welchem seit 2003 ca 1.500 Bücher, vornehmlich aus den Bereichen Belletristik, Philosophie und Sozialwissenschaften vorgestellt und teils ausführlich, teils skizzenhaft rezensiert wurden. Zumeist handelte es sich um Neuerscheinungen, aber auch erneut gelesene Klassiker. Ich werde versuchen, die Tradition fortzusetzen.
[size=12]Herbstlekture:[/SIZE]
SF
Colin Greenland, Sonnenwanderer
dito, Sterndieb
dito, Kometendieb
(Neuausgaben, wesentlich besser übersetzt)
Klassische Space Opera Trilogie, aber britischer Herkunft. Teilweise skurril, immer unterhaltsam und ohne den leicht faschistoiden Bombast des amerikanischen Pendants.
[S1]Zitat[/S1]
Wenn TAKE BACK PLENTY (Sternendieb) eine Botschaft haben sollte - was ich bezweifle -, so lautet sie zum einen, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint, und zum anderen, dass der Spaß an einem gutgesponnenen Garn immer noch eins jener Vergnügen ist, das man am reinsten und besten in einem guten SF-Buch findet." (Karsten Kruschel)[S1]/Zitat [/S1]
Hannu Rajaniemi, Quantum
Im angloamerikanischen Sprachraum gilt der Autor als neuer Superstar des SF, gar als große Literatur im Gewande des SF. Ich habe mich die 431 Seiten mehr oder weniger durchgequält.
Seine Charaktere als auch die Tech-Spielchen sind reine Kulisse: Alles bleibt "super cool" und wirkt dennoch seltsam leblos. Selbstironie oder Humor? Fehlanzeige. Der Stil passt dazu, kein Flow, vielmehr mal hektische Video-Schnitttechnik, mal entnervende Elogien. Hinzukommen nicht plausible Neologismen sowie Namensgebungen, die - wie ich aus einer Rezension erfahren habe - aus der finnischen Mythenwelt stammen sollen. Diese dürfte nicht nur mir eher unvertraut sein.
Thematisch geht es kurz gesagt um Folgendes : In einer Mixtur von Meisterdieb-Geschichte, Spionagestück und Technnikgebrabbel flieht der Dieb 'Jean le Flambeur´mit Hilfe einer Art Superagentin-Wechselbalg aus dem Knast und landet auf dem Mars. Hier setzt er erst einmal die Schnipsel seiner früheren Identität zusammen. Ferner wird ein buntes Völkchen von Bewohnern vorgestellt: Menschen, die nur noch ein gemeinsames Exo-Gedächtnis miteinander teilen, die versklavten "Quiets", "Zokus" (wenn ich es recht verstanden habe: ausgebrannte hardcore Spieler) und andere Phänotypen des Prekariats der "Zukunft aus finnischer Sicht" sowie schließlich die mysteriösen "Sobornost", eine hyperintelligente Spezies, deren Besonderheiten sich dem Leser nicht recht erschließen, die aber der Protagonist in ihre Schranken weisen muss. Eine galaxisweite Verschwörung wird aufgedeckt und schließlich das Universum gerettet. Boah!
Was daran das "SF-Event des Jahres","der beste Roman seit langem" und "absolut beeindruckend" sein soll (so der Cover-Aufdruck) hat sich mir nicht erhellt. Lässt man die ganzen Gimmicks mal beiseite,handelt es sich m.E. um eine recht biedere Space Opera, die versteckte Anleihen vom Lensmen Zyklus mit Perry Rhodan Bombast mixt. Unterhalsarm sicher, aber hohe Literatur?
Philosophie:
Matthias Iser/David Strecker, Jürgen Habermas
Peter Prechtl, Edmund Husserl
Einführungen. Für einen Vortrag vor Juristen über die Bedeutung handlungstheoretischer und phänomenologischer Ansätze in der Kriminalsoziologie suchte ich nach Büchern, die einem philosophisch nicht geschultem Leser Einblicke in die philosophischen Grundlagen verschaffen. Besseres habe ich nicht gefunden.
Ich weiß, eine sehr spezielle Empfehlung, die ich auf Wusch gerne per Mail präzisiere.
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Vom Ethos der Juristen
Dieses schmale Bändchen habe ich in der-von mir sehr geschätzten - Buchhandlung Wetzstein in Freiburg entdeckt.
Obwohl mir der eher konservative Duktus der Schrift nicht behagt und die christliche Patina um manchen klugen Gedanken eher stört, auf wenigen Seiten ein großer Wurf. Würden meine vermeintlich konservativen, in Wahrheit aber dem Mainstream, um nicht zu sagen dem Stammtisch verpflichteten Kollegen das Obligo dieses Beitrags zur Verantwortung bei der Entscheidungsfindung schwieriger Fälle ernster nehmen, ich hätte es wesentlich leichter.
Reinhard